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Theoretische Grundlagen

Annahmen eines Modells der ästhetischen Erfahrung aus kognitionspsychologischer Perspektive

Grundpfeiler einer erfolgreichen Wissenschaft sind die zugrundeliegenden Theorien der Forscher. Welches Gebiet könnte geeigneter sein, um Ästhetik zu erforschen, als die Kunst? Nie war Kunst allgegenwärtiger. Große Ausstellungen ziehen heute hunderttausende von Besuchern an und so wird der kulturelle Wert einer Stadt nicht unwesentlich durch die großen Kunstmuseen mitbestimmt.

Was passiert, wenn wir Kunst betrachten? Einer der theoretischen  Pfeiler unsere Forschung zur Ästhetik ist ein Modell, mit dem wir beschreiben, welche psychologischen Prozesse ein Mensch durchläuft, wenn er an einem Kunstwerk ästhetische Erfahrungen erlangt. Wie kann man sich so ein Modell vorstellen?

Leder, H., Belke, B., Oeberst, A., & Augustin, D. (2004). A model of aesthetic appreciation and aesthetic judgements. British Journal of Psychology, 95, 489-508.

 

Die theoretische Grundlage für den FSP bildet das Modell der ästhetischen Erfahrung von Leder, Belke, Oeberst und Augustin (2004) . Es wurde mit einem besonderen Fokus auf die empirischen Untersuchungen zur visuellen Wahrnehmung von Kunstwerken entwickelt.

Es stellt fünf Stadien des Kunsterlebens vor, von denen jede sequentielle Verarbeitungsstufe mit einem bestimmten Typus der kognitiven Analyse verbunden ist. Begleitend läuft ein in unterschiedlichem Maße bewusster oder unbewusster affektiver Bewertungsprozess mit, der durch kulturell und lebensgeschichtlich erlernte Bewertungsmuster bedingt ist.
Bei den angeführten Stadien perzeptuelle Analyse, implizite Gedächtnisintegration, konkrete Klassifikation, kognitive Bewältigung und Evaluation handelt es sich nicht um eine stringente und stufenweise fortschreitende Verarbeitung, sondern um einen Wahrnehmungsprozess der im Verlauf der Verarbeitung auch wieder auf frühere Phasen zurück fallen kann, wodurch Rückkoppelungseffekte möglich sind. Diese sind im Modell als Feedbackschleifen gekennzeichnet. Ferner ist der affektive Ausgangszustand in dem sich das Individuum zu Beginn des Wahrnehmungsvorgangs befindet von Bedeutung.
Als "Input" wird ein Kunstwerk der modernen bildenden Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts angenommen, das durch seinen kulturellen Kontext definiert wird. Das heißt, Kunsterleben findet dann statt, wenn der Betrachter weiß, dass es sich um ein Kunstwerk handelt. Das heißt, ein erster Schritt muss das Kunstwerk erst einmal als solches identifizieren.

1. Die erste Verarbeitungsstufe der perzeptuellen Analyse (Perceptual Analysis) bildet die sinnliche Wahrnehmung. Hier geht es um das Erkennen von Merkmalserfassung und Gestaltbildungsvorgängen auf denen die wesentlichen Variablen, wie Komplexität, Kontrast, Farbe, Symmetrie, Ordnungsfaktoren und Gruppierungseffekte wahrgenommen werden. Diese Merkmale beeinflussen natürlich schon die ästhetische Reaktion, beispielsweise durch die Präferenzen für bestimmte Farben.

2. In der zweiten Verarbeitungsstufe, der impliziten Gedächtnisintegration (Implicit Memory Integration) geht es um die Integration von unbewussten Gedächtnisinhalten. Es kommt zu Aspekten der Vertrautheit oder Fremdheit, aber auch zur Wahrnehmung von Prototypikalität, d. h. dem Ausmaß, in dem ein Wahrnehmungsgegenstand den Vorstellungen eines “Typus“ entspricht. Auf dieser Ebene wird deutlich, wie vorher erworbene Erfahrungen über das Gedächtnis auf neue Bewertungsvorgänge Einfluss nehmen und es zu Rückkoppelungseffekten innerhalb des Modells kommen kann.

3. Auf der dritten Verarbeitungsstufe, der konkreten Klassifizierung (Explicit Classification), geht es um das Erfassen inhaltlicher Bedeutungen und der Zuordnung von Stilen. Über die jeweilig zur Verfügung stehenden Gedächtnisinhalte kommen Beurteilungskriterien ins Spiel. Diese Stufe ist auch durch den Übergang von automatischer Perzeption zu bewusster Verarbeitung gekennzeichnet. Kunstwerke können nämlich auf verschiedene Arten verarbeitet werden. Man kann sich bei einem Gemälde auf das beziehen, was dargestellt wird, aber auch auf die Art, wie die Dinge dargestellt werden (“verfremdet, expressiv, abstrahiert“, den Stil). 

4. In der vierten Verarbeitungsstufe, der kognitiven Bewältigung (Cognitive Mastering) kommt es u. a. zu einer kunstspezifischen Interpretation. Hier versucht der Betrachter zu verstehen, was ihm das Kunstwerk bedeuten kann, was mögliche Interpretationen sind. Gerade im 20. Jahrhundert ist das Wissen dann oft genauso wichtig, wie das sinnliche Wahrnehmen.

5. Der abschließende Prozess der Bewertung (Evaluation) umfasst nun die Bewertung des Ganzen. Habe ich etwas verstanden, spricht es mich an? Wichtig auf dieser Stufe ist auch der Umgang mit Ambiguität, d. h. der Mehrdeutigkeit des Kunstobjektes. Der ganze Prozess wird von sich ständig steigernden emotionalen Zuständen begleitet, die ihrerseits bewertet werden und zu einer ästhetischen Emotion führen. Die emotionale Reaktion kann im günstigsten Fall, durch gelungene Deutungen und Lösungen, als Genuss empfunden werden. Sind die Stufen durchlaufen, entsteht neben einer ästhetischen Emotion (wohl einem guten Gefühl) auch ein ästhetisches Urteil, nun kann man sagen, ob einem das Kunstwerk gefällt.

 

Obwohl das Modell der ästhetischen Erfahrung hinsichtlich experimenteller Untersuchungen zur visuellen Wahrnehmung entwickelt wurde, ist es auch grundsätzlich auf alle anderen Formen der ästhetischen Wahrnehmung übertragbar.

Dieses Modell wurde auch von Allesch in seinem Buch "Einführung in die psychologische Ästhetik" (2006, Wien: WUV) als integrativer Ansatz beschrieben beschrieben und bis Mai 2015 bereits 545mal zitiert (Google-Scholar).

 

Download des deutschen Textes von
Belke, B & Leder, H. (2006). Annahmen eines Modells der ästhetischen Erfahrung aus kognitionspsychologischer Perspektive, in: Sonderforschungsbereich 626 (Hrsg.): Ästhetische Erfahrung: Gegenstände, Konzepte, Geschichtlichkeit. Berlin.

unter den Onlineveröffentlichungen der Freien Universität Berlin: http://www.diss.fuberlin.de/docs/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDOCS_derivate_000000002246/belke_leder.pdf

 

→ zu Beispielen für Anwendungs-Fragestellungen

Univ.-Prof. Dr. Helmut Leder
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